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Es gibt eine Insel, auf der niemand hungert. Auf der kein Mensch um sein Dach über dem Kopf bangen muss. Auf der Krieg zwar nicht unbekannt, aber tief verachtet ist — und auf der die wenigen Stunden des Tages, die nicht der Arbeit gehören, dem Lernen, dem Gespräch und der Muße gewidmet sind. Klingt verlockend? Im Jahr 1516, als Europa von Kriegen zerrissen und die Kirche von Korruption durchdrungen war, schrieb der englische Staatsmann und Humanist Thomas Morus ein schmales, rätselhaftes Büchlein — halb Reisebericht, halb politische Streitschrift, halb philosophisches Gedankenspiel. Er nannte den Ort seiner Erfindung Utopia: Griechisch für "Nirgendwo". Und mit diesem einen Wort prägte er für alle Zeiten die Art, wie wir über Gesellschaft, Gerechtigkeit und den menschlichen Traum vom besseren Leben nachdenken.
Doch Utopia ist kein naives Wunschbild. Morus war viel zu klug — und viel zu gefährlich lebend, wie sein späteres Schicksal auf dem Schafott beweisen sollte — um einfach fromme Hoffnungen aufs Papier zu bringen. Sein Idealstaat hat Schattenseiten, die den aufmerksamen Leser verblüffen: strenge Regeln, kaum Privatsphäre, eine Uniformität, die an Kontrolle grenzt. Ist das Paradies — oder eine höflich verkleidete Warnung? Morus lässt uns mit dieser Frage allein. Und das ist vielleicht seine größte Leistung.
Diese neue Übersetzung macht Morus' lateinischen Originaltext erstmals in einem frischen, lebendigen Deutsch zugänglich — ohne die gestelzte Schwere älterer Fassungen, aber mit dem vollen Biss des Originals. Für Leserinnen und Leser von heute, die sich fragen, warum die Welt so ist, wie sie ist — und ob es wirklich nicht anders ginge.
Utopia wurde vor mehr als fünfhundert Jahren geschrieben. Es liest sich wie heute Morgen.