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Die Menschheitsdämmerung – erstmalig herausgegeben von Kurt Pinthus im Jahr 1919 – ist die wichtigste Anthologie expressionistischer Lyrik. Als solche hat sie das Bild, das die Literaturgeschichte von expressionistischer Dichtung zeichnet, entscheidend geprägt. Pinthus' Auswahl an Gedichten kann als Rückblick auf die damals bereits ein Jahrzehnt währende expressionistische Dichtung gesehen werden, deren Vertreter zwischenzeitlich teils andere Wege eingeschlagen hatten, teils verstorben (nicht zuletzt als Soldaten im Ersten Weltkrieg gefallen) waren. So zieht die Sammlung eine Bilanz der neuen Dichtung der damals jungen Generation – und entfaltet programmatisch kanonisierende Wirkung. Pinthus' Zusammenstellung kann als eigenes Gesamtkunstwerk verstanden werden, da er der Form der bloß willkürlich zusammentragenden Anthologie die Schaffung eines eigenen, in sich stimmigen Werks entgegenstellt, um die großen gemeinsamen Linien der expressionististischen Dichter*innengeneration zu betonen. Unter dem Stichwort der Symphonie, aus dem sich die vier Teile der Menschheitsdämmerung ergeben, werden die enthaltenen Gedichte von 22 Dichtern und einer Dichterin (Else Lasker-Schüler) thematisch so zusammengestellt, dass ihre Stimmenvielfalt, dem Zusammenspiel von Instrumenten in einem Orchester gleichend, zu einer in sich geschlossenen Komposition wird. Mehr als 100 Jahre nach der Erstausgabe diskutieren die Beiträge auf Basis aktueller Forschungszugänge den Status von Pinthus' wegweisender Anthologie neu: Sie gehen dem Konstruktionsprinzip der Sammlung auf den Grund, beleuchten ihre literarischen, politischen und personellen Kontexte und weisen nicht zuletzt auf die Leerstellen hin, welche die von Pinthus nicht ausgewählten Dichter innen hinterlassen. Neben der Kriegslyrik August Stramms und der Sonderrolle Franz Werfels geht es um den Dichter Ernst Wilhelm Lotz, die Lyrikanthologie Verkündigung sowie die Frühexpressionistin Elsa Asenijeff. Auch das Frauenbild in expressionistischer Lyrik kommt anhand der Thematisierung von Sexarbeit zur Sprache. Mit Beiträgen von Conny Dietrich, Kristin Eichhorn, Judith Kerschbaumer, Johanna Meixner, Sascha Ohlenforst, Michael Pilz und Charlotte Schade.