Historische, fachspezifische und gesellschaftskonstitutive Hintergründe haben vielfach zu Fest- und Fortschreibungen von Kanonvorstellungen geführt, die ästhetische Autoritätsbildungen und -wertungen z.T. bis heute prägen. Auf die forschungsgeschichtlich in hohem Maß notwendige Aufarbeitung dieser Prozesse und Traditionen zielt der erste Koordinaten-Band der zweiten Förderphase des SFB mit seinem Thema "Kanonisierung und Revision" und profitiert dabei von den aktuell in unterschiedlichen Zusammenhängen stattfindenden kontroversen Auseinandersetzungen mit tradierten Kanones. Gemeinsame Grundlage dieser Diskussionen und Bestrebungen bildet dabei - u. a. ausgehend von der postkolonialen Kritik an tradierten Wertmaßstäben und damit verbundenen Exklusionsmechanismen - vor allem ein Unbehagen an autonomieästhetisch geprägten Voraussetzungen und der mit ihnen zusammenhängenden Problematik der meist auf das 19. Jahrhundert zurückgehenden Kanones. Der Band arbeitet in diesem Kontext heraus, dass fachgeschichtlich wirksamen Normierungs- und Kanonisierungsprozessen ein erhebliches Verdrängungspotential anderer Autoritätszuschreibungen und Kriterien der Wertschätzung eignet, das aus unterschiedlichen Interessen resultiert und häufig die Praxis von der Theorie trennt.
Um diese komplexen Zusammenhänge und Dynamiken herauszuarbeiten, widmet sich der Band vergleichend den unterschiedlichen Formen vormoderner ästhetischer Autoritätsbildung, der fachdisziplinären Kanonformierungen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie zeitgenössischen Diskursen und Debatten um Kanonisierungs- und Revisionsprozesse. Ziel ist es, aus einer diachronen Perspektive die (kultur-)historischen Implikationen sowie Grundstrukturen und Methoden normsetzender Verfahren offenzulegen, die zu einer Etablierung oder Dekonstruktion von Kanones - inklusive der damit einhergehenden jeweiligen Ausgrenzungen - beitrugen.
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