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'Deutscher und Jude' des amerikanischen Soziologen John K. Dickinson erzählt die Geschichte des Marburger Anwalts Hermann Reis - von der Wiege 1896 bis zu seiner Ermordung in Auschwitz 1944. Aufgewachsen als Sohn eines jüdischen Viehhändlers im hessischen Hinterland und später tätig als Anwalt im nahe gelegenen Marburg folgen wir Reis auf seinem Weg von einer als harmonisch erlebten Jugend durch eine sich stetig radikalisierende Gesellschaft. Jede neue Maßnahme zur Diskriminierung und Schikanierung der jüdischen Bevölkerung macht Dickinson in ihren komplexen zwischenmenschlichen Auswirkungen greifbar. Wie war die Situation auf dem Land, in der Stadt? Wie lebte man zusammen und wie stabil oder fragil war dieses Zusammenleben? Welche Institutionen, Rituale und unausgesprochenen Regeln prägten es? Nicht nur in der langen konfliktreichen und verwobenen Geschichte von Juden und Deutschen findet Dickinson Antworten, sondern auch in den psychologischen, ökonomischen und soziologischen Strukturen und Mechanismen, die das Schlimmstmögliche erst möglich machten. Dickinson gibt aus seinen Gesprächen mit fast zweihundert Menschen die Erzählungen der Gesprächspartner wieder, die Hermann Reis, seine Ehefrau Selma geb. Levy und die Tochter Marion gekannt haben, und er deutet sie: vor einem weiten Hintergrund von Quellen und Selbstzeugnissen und mit dem Verständnis des mitfühlenden Beobachters. Damit ist ihm ein bis heute gültiger Tiefenblick in die Geschichte gelungen, der in dem gesellschaftlichen Umbau, den er schildert, zeitgenössischer nicht sein könnte.Die erste Ausgabe von 'German and Jew' konnte 1967 nur in verschlüsselter Form erscheinen, u.a. mit unkenntlich gemachten Orts- und Personennamen. Die deutsche Übersetzung beruht auf der Ausgabe von 2001 mit dem Vorwort von Raul Hilberg und setzt die dort tabellarisch enthaltenen Entschlüsselungen im Text um, ergänzt und kommentiert sie. Für seine Forschungen zu Hermann Reis hielt sich Dickinson 1953/54 mit seiner Familie in Marburg auf, wohin er Anfang der 1960er Jahre noch einmal zurückkehrte. Auf die Person von Hermann Reis wurde Dickinson aufmerksam, als er Anfang der 1950er Jahre im Auftrag des amerikanischen Journalisten Milton Mayer die Forschungsarbeiten für dessen Buch 'Sie hielten sich für frei« übernommen hatte (erschienen im Büchner-Verlag 2025).