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In der Tragödie erkennt Franco Moretti die literarische Form des Konflikts, der mit seiner destruktiven Kraft das Innerste von Staaten und Gemeinschaften, Familien und Individuen erfasst: den Bürgerkrieg, den Krieg zwischen Gleichen.Die Tragödie ist mit der ungeheuren Aufgabe konfrontiert, endlosen Schrecken und unmenschliche Gewalt auf die Bühne zu bringen - und das in den schönsten Worten, die je geschrieben wurden. Sie ist dabei Abbild archaischer Rache und Gegenstand politischer Reflexion zugleich. Morettis Buch verfolgt die Transformationen des Tragischen als Medium der Selbstverständigung einer Gesellschaft über Fragen von Gesetz und Familie, Tyrannei und Revolution, Freiheit und Schicksal. Der Ausgang der radikalen Krisensituationen und tödlichen Konflikte, von denen die Menschheitsgeschichte geprägt wird, ist vielgestaltig und unvorhersehbar. Die Folgen der Konflikte können zur Verschärfung der jeweiligen Machtkonstellation oder aber zu ihrem Zusammenbruch führen, mitunter aber auch zu Kompromissen oder sogar zu echtem Wandel.Franco Moretti zeichnet die Wandlungen des Tragischen in Texten und Theorien nach und deutet sie politisch. Wie sind die Dichte von Aischylos Chorliedern, die Schärfe der Dialoge bei Sophokles, die Unausgewogenheit bei Shakespeare, die Symmetrie bei Racine, die leuchtende Klarheit bei Calderón, die Orientierungslosigkeit bei Büchner zu verstehen? Die Tragödie ergreift nicht Partei in der Frage nach dem Ziel der Geschichte. Sie zeigt den Hass, das Leiden und die Zerstörung. Wohin die Geschichte führt, entscheidet sich von Mal zu Mal neu.